Zwischen Bahnhof und Kantpark. Teil 2

Veröffentlicht am 25. Dezember 2025 um 10:56

Jedes Jahr am 24. Dezember geht der Autor dieses Textes spazieren. Die Strecke ist immer gleich: Es zieht ihn entlang des östlichen Abschnitts der Friedrich-Wilhelm-Straße in der Duisburger Stadtmitte. Dahin, wo es im Laufe eines Jahres besonders viele Kunstinteressierte verschlägt. Im ersten Teil wurde der Fokus auf eine Straßenlaterne gelegt, die sich am Rande der Strecke zu einem Hotspot für einige Stickernde aus Duisburg und dem Rest der Welt entwickelt hat. Heute soll die zeitliche Entwicklung auf einem Stromverteilerkasten im Vordergrund stehen.

Überquert man die Mercatorstraße auf der linken Straßenseite findet man sich unterhalb der Arkaden des dort befindlichen Hoist-Hochhauses wieder. Hier befindet sich ein Stromkasten, der über und über mit Tags und Stickern bedeckt ist. Die wettergeschützte Lage des Objekts bietet für Street-Artists einige Vorteile: Die witterungsanfälligen Aufkleber bleiben hier länger erhalten. 

Der Stromkasten ist wesentlich leichter zu erfassen, weil er zwei Schmalseiten und zwei Breitseiten aufweist, die separat beschrieben werden können. Es sticht ins Auge, dass sich auf der dem Bahnhof zugewandten Schmalseite im zurückliegenden Jahr 2025 kaum etwas getan hat. Die Stickerkonstellation, die sich im Dezember 2024 aus einigen gezeichneten Tags (von oben nach unten „MROK“, „Erevr“, „Agly“, „MROF“, „Haschi“, „DGGW“) sowie der Werbung für einen Tattoo-Shop zusammensetzte, wurde nicht angetastet. Lediglich im unteren Teil verschwand ein geklebtes Zeichen von Dellephant, das allerdings bis in den Dezember 2025 durch zwei neue Sticker ergänzt wurde. 

Größere Probleme tauchen bei der Beschreibung der dem Hochhaus zugewandten Breitseite auf. Denn die ist inzwischen nicht mehr nur den Stickern vorbehalten, sondern wurde zu einem „Schwarzen Brett“ umgewandelt, auf dem politische Veranstaltungen beworben werden. Die Sticker sind zwar verdeckt und ein Vergleich zwischen den Jahren 2024 und 2025 ist dadurch nicht ohne weiteres möglich. Das Poster schützt jedoch die Kleber auch vor Einflüssen der Witterung, sodass sich hier in Zukunft einige ältere Exemplare erhalten haben könnten.

Dezember 2024

Der Beschreibung des Kastens tut dies keinen Abbruch: Denn an der Schmalseite in Richtung Lehmbruck-Museum blieb alles sichtbar. Hier springen wiederum die vielen Tag-Sticker ins Auge, die schon vor Dezember 2024 angebracht worden waren. Auffällig sind die kleinen Veränderungen, die diese Seite des Stromkastens im Jahreslauf erfuhr: Ein Sticker der Initiative „AFD Verbot jetzt“ verschwand und hinterließ eine Lücke, am oberen rechten Rand des Kastens begann eine Fußballfehde, weswegen hier nun vor allem MSV-Sticker dominieren.

Dezember 2025

Zwei legendäre Sticker wurden auf dieser Seite bereits vor dem Dezember 2024 angebracht. Sie blieben weitgehend unangetastet. Da ist zum einen der französische Ausruf „J'existe“ – ich existiere, der wie ein Motto über den anderen Aufklebern steht. Er geht auf den belgischen Künstler Thierry Jaspart zurück und verbreitete sich über ganz Europa. Darunter befindet sich zweimal ein Sticker mit der Aufschrift „Sabrina the Giant has a pussy“, neben dem ein Gesicht mit einem Schnurrbart zu sehen ist. Dieser soll in einem anderen Blogeintrag im Vordergrund stehen.

Die Breitseite zur Friedrich-Wilhelm-Straße bildet den Endpunkt dieser kurzen Kasten-Beschreibung. Hier beobachtete man im Jahr 2024 noch eine klare Zweiteilung: Die linke Seite des Kastens war eher politischen Aufklebern vorbehalten („Halt dein Viertel sauber. Verjage Nazis und Creeper“, „Fahrradfahrer sind okay“, „Kapitalismus macht krank“ etc.), während auf der rechten Seite Tags und Kunstaufkleber angebracht waren. Im Dezember 2025 verschwand diese Eindeutigkeit. Vor allem die linke Seite wurde durch Fußballsticker stark verändert.

Im letzten Teil des kleinen Winterspaziergangs entlang Duisburgs Kunst-Achse wagen wir uns morgen bis kurz vor die Cubus-Kunsthalle. Ferdinand Leuxner

 

Alle Abb.en Leuxner, 2024 u. 2025.

 

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