Jedes Jahr am 24. Dezember geht der Autor dieses Textes spazieren. Die Strecke ist immer gleich: Es zieht ihn entlang des östlichen Abschnitts der Friedrich-Wilhelm-Straße in der Duisburger Stadtmitte. Dahin, wo es im Laufe eines Jahres besonders viele Kunstinteressierte verschlägt. Denn im Kantpark ist die Cubus Kunsthalle und das Lehmbruck-Museum verortet. Außerdem läuft man hier durch, wenn man zum Dellplatz oder zum Museum DKM will. Entlang des Weges entstehen Stickerspots, die sich im Jahreslauf allerdings verändern. Ein Vorher-Nachher-Vergleich entlang der Strecke macht diese Wandlungen sichtbar.
Im Dezember 2024 begann die Tour bereits auf dem Portsmouthplatz in Sichtweite zum Bahnhof. Der erste Anlaufpunkt war damals eine Straßenlaterne, an die ein Kaugummibrett (auch Gumwall) befestigt worden war. Vom Bahnhof kommend fiel damals ein großer Sticker einer Fangruppierung der türkischen Band Grup Yorum ins Auge, der mit seiner Unterschrift („Halktir Susturulamaz!“ – etwa: Das Volk lässt sich nicht zum Schweigen bringen) irgendwann in die Zeit nach der 2016 erfolgten, politisch motivierten Auflösung der Gruppe zu datieren ist.
Der Sticker hat sich auch 2025 erhalten, wenn auch seine gelben Farben inzwischen stark ausgebleicht sind. Die Straßenlaterne ist aber in einem Jahr viel voller geworden. 2024 klebten die Sticker noch sauber nebeneinander: Etwa ein Aufkleber des rumänischen Fußballvereins „Progresul Spartac București“ neben einer religiös-christlichen Botschaft („Jesus liebt dich“). Darüber hat die „SEK Crew“ als Taggruppe ihr Zeichen in Form einer orangenen Comicmaus mit drei auffälligen weißen Zähnen hinterlassen.
Im Verlauf des Jahres 2025 wurde die Straßenlaterne dann Schauplatz einer Fehde zwischen zwei deutschen Fußballclubs. Anlass waren zwei Kleber der Eintracht aus Frankfurt. Diese wurden gezielt von Aufklebern der Duisburger Ultragruppe „Kohorte“ verdeckt. Vielleicht brachten die Fußballfans im Zuge dieses Überklebens noch weitere Sticker an der Straßenlaterne an, sodass 2025 das blau-weiß des MSV überwiegt.
Umrundet man die Laterne wird deutlich, dass die Veränderungen an den anderen Seiten weit größer sind. Hier nahm die Anzahl der Sticker im Laufe des Jahres 2025 zu. An der Straßenlaterne hatten bereits 2024 Duisburger Stickergrößen wie Kliternity oder Epose Evil ihre Zeichen hinterlassen. Daneben wurde hier 2025 der Kooperationsaufkleber zwischen Dellephant und dem Dortmunder Street-Artist Noms angebracht.
Politische Auseinandersetzungen kennt die Straßenlaterne ebenso: Ein Sticker mit der Aufschrift „antifa area“ war bereits 2024 zerkratzt, 2025 wurde darüber ein Aufkleber einer Studierendengruppe der Hochschule Niederrhein angebracht, der sich für Rechte von LGBTQ+ einsetzt. Die Straßenlaterne ist außerdem Werbeplattform für eine Trinkhalle, eine Punkband („Kodder“), einen Headshop und einen Skateshop.
Entlang der Strecke finden sich noch viele weitere kleine und große Stickerspots, die in den kommenden drei ruhigen Tagen im Zentrum von weiteren Blogeinträgen stehen sollen. Ferdinand Leuxner
Alle Abb.en Leuxner, 2024 u. 2025.
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