An einer Straßenlaterne in Duissern klebt ein Sticker, der auf den ersten Blick an einen Fußballhintergrund denken lässt. Der eckige Aufkleber hat etwa die Ausmaße eines MSV-Zebra-Stickers. Der Hintergrund wird von den Vereinsfarben Blau und Weiß dominiert, die im charakteristischen Muster der Ultra-Gruppierung Kohorte angeordnet wurden. Bei näherem Hinsehen offenbart sich, dass hier nicht nur Fußballthemen verhandelt werden, sondern Anspielungen auf die Duisburger Musikgeschichte mit bekannten Parolen des Widerstandes gegen Autoritäten kombiniert sind.
Der umlaufende Spruch ist schnell erklärt. Die Sentenz „Respect Existence or Expect Resistance“ (engl. Respektiere Existenz oder erwarte Widerstand) geht auf die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre zurück und thematisiert selbstbewusst die Unterdrückung marginalisierter Gruppen. Die Botschaft ist positiv: Das Recht auf ein freies Leben bleibt unverhandelbar, im Fußball und darüber hinaus.
Das ausgewählte Bild ist dagegen eng mit dem Theater am Marientor verbunden, in dem heute unterschiedliche Stücke gespielt werden. Ursprünglich war der Bau im Jahr 1996 als Musical Theater Duisburg gestartet. Man wollte dem Erfolgsstück „Starlight Express“ in Bochum etwas entgegensetzen und kaufte die Rechte des Musiktheaterstücks „Les Misérables“ (franz. Die Elenden), das vom französischen Musical-Autor Alain Boublil erdacht worden war. Es thematisiert die ausgegrenzten Pariser Unterschichten, die schließlich gegen ihre Unterdrücker aufbegehren.
Als Logo für das Musical wurde die Darstellung eines zerlumpten Mädchens gewählt. Im Original wird es von der französischen Flagge begleitet. Es handelt sich um die Figur Cosette, die Tochter der alleinerziehenden Fabrikarbeiterin Madeleine. Bereits 1862 zeichnete der Illustrator Émile Bayard die Figur besenschwingend in einem Hinterhof. Dieses Bild scheint die Grundlage für das Duisburger Logo geworden zu sein.
Obwohl die Premiere des Stücks von der Presse gefeiert wurde und später auch internationale Prominente wie der letzte sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow wegen des sozialkritischen Musicals nach Duisburg kamen, blieb „Les Misérables“ ein dauerhafter Erfolg verwehrt. Bereits 1999 wurde das Stück abgesetzt. Lediglich der Sticker erinnert heute an den Versuch, aus Duisburg eine Musical-Stadt zu machen. Ferdinand Leuxner
Abb. 1: Sticker, Leuxner, 2026.
Abb. 2: Stich von Cosette [zugeschnitten], Émile Bayard, 1886. [gemeinfrei]
Zum Weiterlesen:
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Lothar Koopmann (Redaktion): Ein Jahr Les Misérables. Duisburg wurde Musical-Stadt. In: Duisburger Jahrbuch 1997. Duisburg 1997. S. 17-21.
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