Bereits mehrfach wurden auf diesem Blog historische Sticker mit Duisburg-Bezug vorgestellt. Die ältesten stammen aus den 1970er Jahren. Dabei ist bemerkenswert, dass sich inhaltlich kaum etwas geändert hat: Die kleinen Kleber dienten bereits damals als mediales Hilfsmittel, um neue Themen in den gesellschaftlichen Diskurs zu holen oder dazu, Werbung für die eigenen Ansichten zu machen. Größere Wandlungen erlebten allerdings die technischen Grundlagen der Sticker. In diesem Blogeintrag steht ein Sticker im Mittelpunkt, der sogar auf die Selbstklebefläche auf der Rückseite verzichtet.
Der Aufkleber, von dem heute die Rede sein soll, hat sich im Archiv für alternatives Schrifttum (afas) erhalten. Mit einem Durchmesser von ca. 6,5 Zentimetern ist es einer der kleineren Sticker aus den Sammlungen. Er stammt aus den Jahren 1988 oder 1989 und ist, ganz ähnlich wie andere, bereits behandelte Exemplare, eng mit den Ereignissen während des Strukturwandels im Duisburger Stadtbezirk Rheinhausen verbunden (Sticker der Woche: Rheinhausen soll leben! / Blog | Bildstockart).
Eine am oberen linken Rand des runden Stickers noch sichtbare Hilfslinie, an der die Schere angesetzt wurde, macht wahrscheinlich, dass der Sticker in Heimarbeit hergestellt wurde. Diese Vermutung wird noch durch den qualitativ minderwertigen Druck – möglicherweise auf der Basis einer Matrize – unterstrichen. Der Sticker wurde auf festem, gelbem Tonpapier vervielfältigt.
Hinter dem kleinen, gelben Kleber steckte die Fraueninitiative Rheinhausen, die Teil des Netzwerks war, das sich gegen die drohenden Hüttenschließungen zur Wehr setzte. Ähnlich wie im bereits vorgestellten Sticker des Bürgerkomitees argumentierten auch die Frauen auf dem Aufkleber mit dem Schutz des Lebens in Rheinhausen, das durch die Schließungen in Gefahr zu geraten drohe. Ein gemaltes Herz steht sinnbildlich für die empathische und solidarische Seite des Widerstands.
„Im Arbeitskampf gewannen die Frauen. Sie hatten häufig keine eigene Berufsausbildung, Selbstbewusstsein, ein großes Wissen von den Strukturen der Gesellschaft. Einige konnten in eine neue Berufstätigkeit gehen, engagierten sich im sozialen Bereich, in den Schulen. Insgesamt war der Arbeitskampf eine tiefe Erfahrung von Solidarität der gesamten Bevölkerung in Rheinhausen, in Duisburg, im ganzen Ruhrgebiet.“ (nach Gabriele Bischoff)
Dass der Arbeitskampf allerdings ohne größere finanzielle Rücklagen geführt werden musste, sieht man dem Sticker auch an. Anders als das Pendant des Bürgerkomitees, das sogar mit einer Klebelasche ausgestattet ist, weist der Sticker der Fraueninitiative keine klebende Rückseite aus. Um den Aufkleber trotzdem im öffentlichen Raum zu befestigen, griff man auf körpereigene Klebstoffe zurück. Kurzerhand wurde der Kleber mit Speichel dort angebracht, wo er Sichtbarkeit für die Sache der Fraueninitiative brachte.
Die sogenannten Spuckis waren vor der Vervielfältigung der Druckmöglichkeiten im Zuge der Digitalisierung weit verbreitet. Hiervon zeugt, dass, neben dem gelben Kleber, auch ein roter Spucki mit Rose produziert wurde. Genau genommen stellten die Rheinhauser Frauen damit Sticker-Derivate her. Der Bedeutung des Objekts für die Geschichte des Strukturwandel tut diese Zuschreibung allerdings keinen Abbruch. Ferdinand Leuxner
Alle Abb.en afas.
Zum Weiterlesen:
Gabriele Bischoff: Vor 30 Jahren: Die Fraueninitiative Rheinhausen kämpft gegen Stilllegung der Hütte - Wir Frauen, abgerufen am 30. Dezember 2025.
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