Am 19. Juli 2025 berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ von einem Brief der Bürgermeisterin von Spremberg an die Bevölkerung der brandenburgischen Stadt. Darin formuliert sie ihre Sorgen vor einem wachsenden Einfluss von Neonazis in der Region. Der Aufruf: „Heute kleben [die Neonazis] Sticker, was machen sie morgen?“, schaffte es aus dem Brief bis in den Vorspann des Artikels.
Im heutigen Duisburg ist die Gefahr, die von rechtsradikalen Stickern ausgeht dagegen relativ gering. Zwar finden sich immer wieder Druckprodukte von einschlägigen Herstellern, die neofaschistische oder xenophobe Agenden verfolgen oder mit deren Codes in die Öffentlichkeit treten, diese verschwinden aber schnell zwischen den vielfältigen anderen Meinungen oder werden entfernt.
Lediglich in den Sammlungen des Kultur- und Stadthistorischen Museums am Innenhafen finden sich ganze Stickeralben, die von der Ideologie des Nationalsozialismus geprägt sind. Denn die Nazis und ihre Unterstützer*innen setzten schon vor 1933 auf die Aufkleber als Massenmedium. Damals waren verschiedenen Produkten, vor allem Kolonialwaren wie beispielsweise Zigarettenpackungen, kleine Bildchen (mit und ohne Selbstklebefläche) beigegeben, die man sammeln und tauschen konnte, bevor sie schließlich in ein Album geklebt wurden.
Zu diesen „Zigarettenbildchen“ gehörten Bilder von zeitgenössischen Popstars, aber auch Landschaftsdarstellungen und vieles mehr. Im Jahr 2004 erwarb das Duisburger Stadtmuseum von einem Walsumer Sammler ein politisches Album: Das vom Dresdner Cigarettenbilderdienst herausgegebene Heft zeigt schon auf dem Einband, dass hier reißerische Inhalte vermittelt werden sollen. Wie auf den zeitgenössischen Filmplakaten, vor rotem Hintergrund, erscheint der Titel: „Der Weltkrieg“, mit dem zu diesem Zeitpunkt der Erste Weltkrieg gemeint wahr.
Das Buch kam 1932 auf den Markt und fand unter den „Zigarettenbildchen“-sammelnden Jugendlichen großen Absatz. Der Band setzt die Soldaten in Szene, die für das Deutsche Reich in die Schlacht zogen, zeigt Kriegsschiffe auf großer Fahrt und bietet auch Einblicke in das Leben in der Kaserne. Ausgeblendet werden dagegen der alltägliche Mord, Tod und Verwundung. Und auch die Inszenierung der Kriegsgegner wirkt einseitig: Griff man für die Sammelbilder der deutschen Soldaten auf nachträglich kolorierte Fotografien zurück, erscheinen die Kämpfer der Entente als gemalte Monster.
Unter den Nationalsozialisten wurden die Alben noch politischer. Die neuen Machthaber setzten ab 1933 in großem Stil auf die Sammelbilder als Propagandainstrument. Waren bereits die Sticker der 1920er Jahre mit politischen Hintergedanken verkauft worden, trat nun die Erziehung der Jugend im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie in den Vordergrund. Es ist gut, dass es die Sammelalben aus dieser Zeit ins Museum geschafft haben, denn sie erinnern uns daran, dass Aufkleber erst ab den 1960er Jahren zum Medium für demokratische Meinungen aufstiegen: Damals begann man sie in größerer Zahl im öffentlichen Raum zu verkleben. Ferdinand Leuxner
Abb. 1: Sammelbilder, CC BY-SA 1.0.
Abb. 2 und 3: Zigarettenbilderalbum im Kultur- und Stadthistorischen Museum, Leuxner, 2025.
Zum Weiterlesen:
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Der Spiegel: Brandenburg: Wachsender Neonazi-Einfluss in Spremberg – Bürgermeisterin schlägt Alarm - DER SPIEGEL, abgerufen am 29. Januar 2026.
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Felicity Jensz: „Die Welt in Bildern“. Zigarettensammelbilder als Fenster zur Ferne. In: Zeitschrift für Weltgeschichte — Interdisziplinäre Perspektiven. 21. Jhg., Heft 2 (2020). Berlin 2020. S. 297–314.
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