Stickernden geht es um Sichtbarkeit, um Öffentlichkeit und immer wieder auch um Provokation. Damit greifen sie die Idee vieler progressiver Bewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts auf: Visuelle Ausrufezeichen zu setzen. Für feministische Bewegungen spielt hierbei der Körper im Raum eine besondere Rolle. Die taz-Redakteurin Lilly Schröder bringt die Idee dahinter auf den Punkt.
„Der neoliberale Spätkapitalismus lehrt uns, unsere Körper nur dann wahrzunehmen, wenn sie stören. […] Nicht nur der kranke Körper wird abgewertet – auch der dicke Körper, trans*, alte, kranke, Schwarze Körper oder jene mit Behinderung werden markiert, normiert und stigmatisiert.“ Die logische Folge: „,Mein Körper ist meine Waffe‘, schreiben sich Aktivistinnen auf ihre nackten Oberkörper, etwa, um gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine oder für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zu demonstrieren.“
Feministische Sticker in Duisburg greifen die Idee auf und zeigen immer wieder Körper oder Körperteile. Besonders häufig spielen hierbei die weiblichen Geschlechtsorgane eine Rolle. Darstellungen von Vagina, Uterus und Eileiter wurden lange Zeit tabuisiert, verbreiten sich aber zunehmend im öffentlichen Raum. Dabei werden die Organe aber immer künstlerisch verfremdet.
Auf einem Sticker der Endometriose-Vereinigung-Deutschland, der auf einem Schifffahrtszeichen am Hafen in Ruhrort klebt, ist oberhalb des Uterus ein Chamäleon zu sehen. Wie bei einem antiken Siegeskranz wurden die Eileiter mit Lorbeerkränzen umflochten, die Vagina ist von Blumen umrankt. Der kleine Kleber verfolgt zuerst medizinische Ziele und will über die Erkrankung der Gebärmutter aufklären, unter der fast jede zehnte Frau im Laufe ihres Lebens leidet.
Noch auffälliger wurde der Geschlechtsapparat auf einem dezidiert feministischen Aufkleber in Szene gesetzt. Der schlichte blau-weiße Kleber zeigt die inneren, weiblichen Geschlechtsorgane. Darüber und darunter findet sich eine der Kernforderungen der Frauenbewegung: „my BODY/ my Choice“. Verstärkt wird der kämpferische Anspruch hinter dem Wunsch nach Selbstbestimmung noch dadurch, das einer der Eileiter den Passant*innen den Mittelfinger zeigt.
Abstrakter geht es bei der Künstlerin Kliternity zu. Ihre Arbeiten, über die man überall im Stadtgebiet stolpert, zeigt eine eckig anmutende Bananenschale, die aus einem pixeligen Computerspiel zu stammen scheint. Sie wurde aufgestellt, der Strunk bzw. Blütenbecher ragt über die Schale. Dieser Aufbau erinnert an die weibliche Vagina, bei der sich die Klitoriseichel ebenfalls oben befindet.
Weibliche Körper sind auf den Straßen der Stadt aber nicht nur in Form von Geschlechtsorganen präsent. Die Darstellung von Frauenkörpern, die nicht der Norm entsprechen, finden sich ebenfalls immer wieder. Ein Kleber der „Femtopie Duisburg“ zeigt eine gezeichnete Frau im Bikini, mit haarigen Beinen und einer breiten Hüfte. Sie blickt stolz auf sich herab. Darunter befindet sich eine Forderung nach Enttabuisierung: „Every Body has a beachbody!“ Annika Enßle, Ferdinand Leuxner
Alle Abb.en Enßle, Leuxner, 2025, 2026.
Zum Weiterlesen:
- Lilly Schröder: Der Körper im Patriarchat: Willst du meine Freund*in sein? | taz.de, abgerufen am 8. März 2026.
- Instagram: (@kliternity) • Instagram-Fotos und -Videos, abgerufen am 8. März 2026.
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