Wo kleben die Sticker 1968?

Veröffentlicht am 17. April 2026 um 11:41

Die Duisburger Sticker können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Originale aus der Vergangenheit bewahrt das Archiv für alternatives Schrifttum und das Kultur- und Stadthistorische Museum auf. Daneben wird in verschiedenen Schriftstücken die Stickerpraxis sichtbar, die in der Vergangenheit in der Stadt weit verbreitet war. Heute steht so ein Text aus dem Jahr 1968 im Zentrum dieses Blogeintrags. Wo klebten die Duisburger*innen früher ihre Sticker auf?

Bereits 1927 beschrieb ein Gedicht des Schriftstellers Erich Weinert einen Vorgänger der heutigen Aufkleber im öffentlichen Raum in Duisburg (Duisburg klebt schon 1927? / Blog | Bildstockart). Und wieder ist es ein Gedicht, das 41 Jahre später die sich wandelnden Klebeorte beschreibt: Im Heimat-Kalender Duisburg aus dem Jahr 1968 wurde ein Gedicht veröffentlicht, das den vielsagenden Titel „Was klebt denn da?“ trägt. Hinter dem Werk steckt ein Mensch mit dem Nachnamen Weddy-Poenicke, dessen Identität bis jetzt noch nicht geklärt werden konnte.

Der Text thematisiert die große Reiselust, die die Menschen in Duisburg erfasst hatte. Im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders konnten es sich auch Arbeiterfamilien leisten, über die Ferien in den Süden Europas zu fahren. Das damals genutzte Mittel, um zum Sehnsuchtsort zu gelangen: Der vom Lohn abgesparte PKW, der bald selbst zum Ort für Aufkleber wurde.

Im Gedicht werden Aufkleber beschrieben, die die Menschen aus Rom, Florenz, Brindisi, Pisa, Mailand,  Bregenz, vom Tiber, vom Arno, dem Allgäu, dem Engadin, Genf, Locarno, Innsbruck, Graz, Wien, Belgrad, Athen, Saloniki oder Split mit ins Ruhrgebiet brachten. Die dritte Strophe rückt die Autos als Klebeorte ins Zentrum:

Was früher auf den Koffern klebte,/

klebt jetzt auf der Karosserie./

Und wo ich in den Ferien lebte -/

Ein Blick genügt! Na, sehen Sie!

Die Sitte, sein Auto mit Aufklebern aus den Aufenthaltsorten der vergangenen Reisen auszustatten, war zum Zeitpunkt, als das Gedicht erschien noch so neu, dass man damit Menschen unterhalten konnte (und es sogar schaffte, in einer gedruckten Publikation aufgenommen zu werden). Ähnlich wie heute sorgte das Aufkleber-Kleben damals aber auch für Verdruss (Kleben verboten / Blog | Bildstockart). In übertreibender Manier betont das Gedicht in der vierten und letzten Strophe, dass manche Orte auf dem Auto für Sticker eher ungeeignet scheinen:

Sie meinen daß ich übertreibe?/

Ich hörte besser damit auf?/

Ich hab' ja noch die Windschutzscheibe-/

da kriege ich ganz Frankreich drauf! 

Es dauerte noch einige Jahre, bis es die Sticker direkt auf die Straßen der Stadt Duisburg schafften.

Ferdinand Leuxner

Abb. 1: Koffer mit Aufklebern, Foto: Wolfgang H. Wögerer, Wien, Austria. CC BY-SA 3.0.

Abb. 2: Auto mit Aufklebern, Foto: Sarah L. Mingle. CC BY-SA 4.0.

 

Quelle: 

  • N. Weddy-Poenicke: Was klebt denn da? In: Hermann Thelen (Hg.): Heimat Duisburg. Jahrbuch 1968 (10. Jhg.). Duisburg-Meiderich 1968. S. 41.

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